Donnerstag, 22. November 2012
Piraten
Live aus dem Pirates Clubhouse, Greenside, Joburg.
So hier bin ich nun. Mitten im sportlichen Leben von Südafrika. In einem der populärsten Clubs von Joburg. Ich habe mich mit meinem Laptop in die hinterste Ecke des großzügigen Clubraums verkrochen. Warum ich hier bin? Och, das ist einfach. Seit Janna - eine der Volontairinnen aus dem Haus - begeisterte Hockeyspielerin - hier ist - fahren wir am Dienstag immer zum Hockey . Ich - wer mich kennt wird sich nicht wundern - spiele kein Hockey. Schließlich will ich niemand verletzen. Social Hockey. Das heißt jeder kann spielen und so verwundert es nicht, das sich mehr oder weniger jedesmal eine andere Gruppe ergibt. Das soll aber nur jetzt so sein. Es ist Sommerpause. Keine Ligaspiele und somit kein Taining. Deswegen wird nur so "rumgespielt". Ich verstehe vom Hockey nichts. Vieleicht noch weniger. Aber das sieht sehr ernst aus. Obwohl es durch alle - also zwei - Geschlechter und jedes Alter geht, wird um jeden Ball gekämpft, als wäre er der Entscheidende im Weltmeisterschaftsspiel zwischen zum Beispiel Indien und Südafrika. Das habe ich gelernt. Indien, Südafrika und die Niederlande gehören zu den großen Hockeynationen. (Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ich entschuldige mich hiermit bei allen Angehörigen von Nationen, die ich hier übergangen habe.)
Also bin ich hier. Die Pirates sind vornehmlich weiß. Also nicht die Clubfarben. Die sind wie es sich für Piraten gehört, Schwarz und Blutrot. Totenschädel mit gekreuzten Knochen. Was sonst? Ich sitze an einen Tresen, der allerdings auf das Spielfeld hinausgeht und es lassen sich die Fenster gänzlich öffnen. Wie es sich gehört, hat man einen herlichen Blick auf das Spielfeld. Da unten spielen sie unter Flutlicht. Und es ist ungewohnt, das es bei diesen Temperaturen schon so früh dunkel wird. Um fünf Uhr ist es hell und um sieben Uhr abends dunkel. Selbst an den längsten Tagen im südafrikanischen Sommer höchstens bis acht Uhr hell. Aber man gewöhnt sich langsam dran. Und wenn ich in zehn Tagen zurückkomme, dann ist es nicht so schlimm. Was schlimm wird ist die Temperatur....Hier fängt der Sommer gerade erst an. Nach einem mässigen Auftakt mit "hard rain and thunderstorm, hail" - und ich hab die tischtennisballgroßen Hagelkörner wirklich gesehen - scheint er jetzt den schlechten Eindruck mit aller Gewalt berreinigen zu wollen, und zeigt sich von seiner besten Seite. Nachts zur Abkühlung ein wenig Regen und tagsüber strahlend blauer Himmel und Temperaturen von regelmäßig über dreißig Grad. Luftfeuchtigkeit mässige 35% - nicht zu vergessen die 6000 feet (ca. 1700m) die Johannesburg hoch liegt, machen das Wetter sehr angenehm. (Habe heute tatsächlich noch Schüler gesehen, die einen Polunder oder eine Jacke über ihrem Hemd tragen...)
Aber jetzt zurück an den Tresen. Deswegen sind wir ja hier. Wie bereits erwähnt, werden hier vorwiegend die von der weißen Bevölkerung bevorzugten Sportarten gespielt.Rugby, Kricket und Hockey. Die "Schwarzen" spielen Fußball. Diese Sportarten haben für den "gemeinen" Südafrikaner einen hohen Stellenwert. Und zwar für gefühlte 90% der weißen Bevölkerung. Da wird das Wochenende nach dem Rugbykalender geplant und wenn Kricket im Fernsehen läuft, hat man das Gefühl, wie zu besten Durbridgezeiten und das Halstuch dauert hier schon mal mehere Stunden. Spielergebnisse bestimmen den gesamten Tag danach und jede Entscheidung von Trainer oder Schiedsrichter wird durchgesprochen und kritisiert als würde davon das Morgen abhängen.
Jeder weiße - zumindestens fast jeder weiße, mänliche - Südafrikaner hat in seiner Jugend oder immer noch - Kricket oder Rugby gespielt. Wobei meiner Meinung nach der Anteil der Kricketspieler ungleich höher als der der Rugbyspieler ist. Rugby, der "wahre Männersport" - gespielt im Gegensatz zum "American Football" ohne Schutzausrüstung - ist einfach brutal. (Knochenbrüche und Prellungen gehören schon zum Training). Und deswegen ist für Teenager anscheinend der dem Baseball verwandte Sport eher attraktiv. Zähne und Körper werden geschont, wobei die Rugbyjugend mehr Ansehen genießt. ( An dieser Stelle nochmal eine Entschuldigung an meine britischen Mitbürger: natürlich ist Kricket und Rugby - die Mutter aller Spiele - Nationalsport in England, und die Amerikaner haben es nur verweichlicht!)
Allerdings ist auch soccer - also Fußball - nicht uninterresant. Hier hängen drei große Bildschirme - selbstverständlich Plasma - auf denen gerade ein Spiel der englischen Liga übertragen wird. Und wie bei allen Sportarten, so auch in dieser. Ich bin von "Experten " umgeben....
Vieleicht sind vierzig Leute anwesend, vieleicht ein paar mehr oder weniger. Die Stimmung ist gut, und obwohl die Leute gruppenweise am Tresen stehen und untereinander reden und diskutieren - man hat jedenfalls nicht das Gefül das sie zuschauen - wird jedes Ereigniss auf der Mattscheibe kollektiv mit freudigen oder entäuschten Bekundigungen begleitet. Draussen auf der Terasse haben sich die fünf Tische etwas geleert. Zwei junge Frauen in "Hausfrauensportbekleidung" ( 3/4 Leggins und T-shirt, bunte Turnschuhe und Söckchen mit Bommel, damit er nicht in den Schuh rutscht) an einem und drei junge Männer in Strassenkleidung (die Leggins durch eine Jeans ersetzt und "wahrscheinlich" keine Bommelsöckchen). Vor beiden Gruppen auf dem Tisch ist wenig Platz. Nein, keine Sportbekleidung oder Taschen...weit gefehlt. Bierflaschen! Und ich bin mir auf diese Entfernung nicht wirklich sicher, ob die zwei Frauen nicht genausoviel Flaschen auf dem Tisch stehen haben, wie die Männer. Um keinen völlig falschen Eindruck zu vermitteln: etwa zehn Flaschen würde ich pro Tisch schätzen. Und damit liegen sie im Schnitt. Diese Aussage erhebt keinen Anspruch auf demographische Richtigkeit, aber meine Feldstudien und Beobachtungen im "Piratennest" haben ergeben , das hier - und ich bin jetzt etwa eine Stunde hier - jeder etwa diese Menge Bier konsumiert. Als Nichtbiertrinker kann ich nur vermuten - und Erfahrungen und "research" scheinen das zu bestätigen - das das Bier der Südafrikaner weniger Alkohol enthält. Auch da eifern sie den Briten nach! ( Ups...`tschuldigung an alle britischen Bierbrauer. Ihr wißt schon...Deutsches Bier ..) Drinnen ist es ähnlich. Es herscht ein verwirrendes Sprachgemisch von Englisch und Afrikaans vor, und die schwarzen Barkeeper und Kellner mischen noch eine oder zwei der elf gängigen Landessprachen dazu. Es richt ein wenig nach Frittenbude mit ranzigen Fett, und je nachdem welcher Sportart dein Tresennachbar nachgeht - Sport oder Trinken - auch schon mal nach Schweiß oder "Fahne". Hier sind alle. Vom kleinen Dicken, bis zum großen Schlanken, von der Hausfrau bis zur Studentin. Man kennt sich. Man ist ein Pirat. Nicht mal 30% der Gäste sehen so aus, als ob sie in den letzten vierundzwanzig - nein, nicht Stunden oder Tagen - Jahren irgendeiner Art von sportlicher Betätigung nachgegangen sind. Ich meine nicht Flaschenstemmen oder Gläseerheben. Das ist die Hauptbeschäftigung des "klassischen" Piraten und diese "Sportpiraten" stehen ihnen in nichts nach.