Montag, 10. September 2012
Danke
Freue mich ueber jede e-mail. Finde leider aber nicht immer Zeit sie sofort zu beantworten. Leider ist mein Zugang im Moment noch begrenzt. Mo - Fr 8-16:00.
Schreibe die Texte inzwischen zu Hause vor. Darum nicht immer Stunden- oder Tagesaktuell. Trotzdem....fleissig weiter schreiben. Freue mich ueber jede Geschichte aus der Heimat.



Soweto
Freitag Nachmittag: Besuch in Soweto. Melanie hat mich 1th.55Melville abgeholt. (1th.55 Melville = Volunterhouse = mein Heim für die nächten drei Monate. Das ist etwa so wie eine Ferienwohnung aufgebaut. Zur Zeit teile ich es mir noch für 10Tage mit Philip, einen echten Volunter aus Deutschland, der nach einem Jahr jetzt bald nach Hause fährt. Zwei Zimmer, Kueche, Bad und kleiner "Living room". Standard ok. Alles was im Haus ist, ist gebraucht, manches ein bisschen verzogen und manches - z.B. die Töpfe - ein bisschen verbeult, eineinhalb Kanäle im Fernsehen und Zug an allen Ecken, aber jetzt wird es ja warm. Nachts immer noch erbärmlich kalt allerdings.)
Also dann. Township. Appartheit. Armut. Diskreminierung. Schwarze. Tausend Sachen gehen mir durch den Kopf auf dem Weg nach Soweto. Und der ist lang. Soweto liegt ganz im Westen der Stadt. Wir kommen durch eine Gegend von der Melanie mir erklaert, das sie hier grossgeworden ist und zur Schule gegangen. "A township only for mixed peoples." Ich bin etwas verwirrt. Hellhäutigere und Kinder aus Mischehen hatten einen ganz eigenen Status während der Appartheid, werde ich aufgeklärt. Bevorzugt von den Weißen, gemieden und argwöhnisch beobachtet von den Schwarzen. Nach der Appartheit von den einen, sowie von den anderen gemieden oder sogar benachteiligt.
Wir biegen auf einen perfekt ausgebauten Highway ein. Alles für die Fußballweltmeisterschaft. Beleuchtung, Mittelleitplanke und Strassendecke tiptop. Auf den Banketten arbeiten Menschen. Im Hintergrund Abraumhügel - teilweise bestimmt 40 Meter. und mehr - der Minengesellschaften. "Joburg is surrounded by these hills".Nicht schön. Selbst der Versuch der Begrünung wirkt schlecht. Dann öffnet sich die Strasse in eine Ebene.
Soweto. Ein unüberschaubares Meer von Wellblechdächern. Von oben ein bisschen wie eine Schrebergartenkolonie. Nur riesig. Kommt man näher ändert sich der Eindruck vom " Freundlichen Gärtner" zum "Gigantischen Alptraum"." Soweto has moved" sagt Melanie. Ich versuche keinen Gedanken daran zu verschwenden, wie es wohl während der Appartheit gewesen sein mag. Es ist jetzt schon deprimierend genug. Zusammengeschusterte Hütten, eine nach der anderen, ab und zu ein paar etwas bessere Häuser aus Stein. Allerdings nur im Vergleich zur Wellblechhütte. Dazwischen spielende Kinder und resignierte Erwachsene, mein erster Eindruck. Wir fahren einige Minuten durch immer gleiche Dirtroads. Müll, Dreck und riesige, tiefe Pfützen vom Tag vorher, in denen Kinder spielen.
Alle haben mir von Soweto vorgeschwärmt. Ok, nicht alle. Aber die Volunters fanden den Spirit bemerkenswert. Wir biegen um eine Ecke und fahren mitten über einen grossen Platz. Überall stehen Leute in kleinen und grösseren Gruppen, Kinder spielen auch hier. Kleine Marktstände -einfach auf dem Boden ausgebreitete Tücher mit der Ware darauf - dazwischen und rund um den Platz in kleinen Häusern alle möglichen Geschäfte. Tyreservice, Doktor, Supermarket, Butcher, Fruits, Naildesign, Vodacom, Laundry usw. Komisch. Trotz Melanies neuem Volvo schaut niemand. Die meisten registrieren uns gar nicht. Viele unterhalten sich haben ein Lächeln im Gesicht. Lachen. Wir halten an einer Ecke des Platzes in einer Nebenstrasse. "COPES-SA"steht auf dem Schild. Ich werde einer schwarzen Ärztin vorgestellt , Leiterin des Projekts und treffe dann auf die beiden deutschen Mädchen, die hier dreihundertfünfzig Tage verbracht haben. ( "Blacks" sagen die Farbigen hier selber. Ich habe gefragt. Man sah mich eher verstört an wegen der Frage. Wie man denn in Deutschland sagt? Irgendwie hab ich mich dann um die Antwort herumgemogelt. Hätte auch nicht gewußt was ich sagen sollte.) Wir sind mit den Beiden zu einem neuen Vermieter gefahren. Steinhaus. Halb so groß wie unser Volunterhome. Die Beiden haben sich gefreut. Einhundertmal besser als ihre jetzige Unterkunft. Leider nur für ihre Nachfolger im Projekt. Sie reisen mit Philip in zehn Tagen ab. Dann zur jetzigen Unterkunft der Mädels (19/21 Jahre. da darf ich Mädels sagen) Beide haben meinen größten Respekt und meine Hochachtung. In dem Haus - alle drei Zimmer mit nur jeweils einer Tür nach draussen zum Hof, Badezimmer mit drei Wänden und Küche ohne fliessend Wasser - hätte ich nicht eine Nacht verbracht. Fast 365 Tage. Nicht mal mit zwanzig hätte ich mich das getraut. Alkoholismus, Bandenkriminalität, Vergewaltigung und Raub. Tagesgeschäft in Soweto. Und trotzdem. Beide sagen es hat Spaß gemacht und sie sind liebevoll aufgenommen worden. Sie haben in landwirtschaftlichen Kleinprojekten geholfen und für die Kids einen Skatepark organisiert.
Melanie und ich fahren zurück nach Melville. Ich bin tief berühert und höre Melanie zu, wie sie über das Land und die Probleme erzählt. Ich habe schon immer in Amerika gedacht, das der Unterschied zwischen Arm und Reich gewaltig ist. Ich habe mich getäuscht. Neun Menschen auf 7qm unter einen Dach aus Wellblech und Plastik, Wänden aus Holz und Pappe und einer Kochstelle mitten im Raum auf blanker Erde. Auch wenn es abgedroschen klingt: ich habe Glück gehabt. Ich bin auf der glücklichen Seite geboren.
Noch mehr Glück wird mir heute - Samstagmorgen - zuteil. Melanie hat die Versicherung für meinen Toyota gemanagt. Der Wagen kommt von Freunden von ihr, die ihn mir gegen ein vernünftiges, monatliches Entgeld verleihen. Er wird nur auf mich versichert. Südafrika ohne Auto ist wie ....ach was weiß ich. Alle Wege sind weit und die öffentlichen Verkehrsmittel sehr unzuverlässig. Private, sichere Taxen sind teuer und die Minibus selbstständiger Unternehmer - meist besitzen sie einen oder zwei - würde man auf See als Seelenverkäufer bezeichnen und die Fahrer als Klabautermänner. Schüler sind nicht selten unpünktlich Aufgrund der Transportsituation. Mehrfach musste ich schon aus dem Weg springen, wenn plötzlich eine neue Haltestelle direkt da eröffnet wurde, wo ich gedachte die Fahrbahn zu überqueren. Die Toyotaneunsitzerbusse selber sind technisch der Alptraum jeden deutschen Tüv-Prüfers. Errol hat "unsere learners" gebeten ein bißchen darüber zu erzählen. Löcher durch die man von den hinteren Plätzen die Strasse unter sich vorbeiziehen sieht, Scheiben mit Klebeband eingebaut, Stahlstangen statt Stoßdämpfer und Abgase die im Innenraum durch die Passagierlungen gefiltert werden, bevor man sie zum Fenster raushustet. Ohne ein eigenes Auto geht nichts. Sonntag holen wir - Philip und ich - ihn in Pretoria ab und schauen uns ein bißchen dort um. An alle: Superkraftstoff gibt es für umgerechnet 1,17€ im Moment. Und alle stöhnen noch schlimmer als in Deutschland. Allerdings verdient Michael - Errols assistent - auch gerade mal 1800 Rand. Etwa 180 €. Er lebt bei seinen Eltern und kann gerade so damit über die Runden kommen. Alles etwas anders hier und doch ähnlich. Aber eins ist sicher. Bis jetzt wurde ich überall freundlich aufgenommen und freue mich hier zu sein.